Plädoyer Ursula Piffaretti

Warum ein Bedingungsloses Grundeinkommen (bGE) heute? Weil Du und Du – und sehr viele andere – in die heutige Welt – ohne Grossfamilie, die im Notfall Rückendeckung oder einen gewissen Schutz gewährt. Oft ohne ein Stück Erde, wo Du wenigstens etwas Gemüse anpflanzen kannst… Grossfamilien als Halt in Notzeiten kennen wir nicht mehr: jeder ist auf sich gestellt – dafür leben wir in einer gewissen Freiheit und Selbständigkeit, «auf eigenen Füssen», wenn es geht.

Wenn es nicht geht, haben wir einen Sozialstaat, der «Bedürftigen und solchen, die sich nicht selber helfen können», hilft. Obwohl es unser Recht ist, diese Hilfe zu empfangen, müssen wir uns als Bittsteller, oft als Versager fühlen. Doch mehr und mehr kommt es heutzutage vor, dass einer ganz ohne Schuld in diese Situation und in Abhängigkeit vom Sozialamt gerät. Der Sozialstaat – wenn er auch noch in vielen Fällen richtig und nötig ist – genügt in unserer Zeit nicht mehr: Arbeitslosigkeit ist heute meistens nicht nur eine Frage der fehlenden Ausbildung und Fähigkeit, des fehlenden Willens. Doch eine bezahlte Arbeit ist die Grundlage unseres «Daseins in Würde» geworden! Ohne Arbeit, ob gern oder unter Mühe geleistet, fällt unsere Eigenständigkeit dahin. Jeder muss sich in Form seiner Arbeit viele Jahre lang verkaufen! Ausgenommen sind die Kinder, die zumeist von den Eltern unterhalten werden, und die Pensionierten, die Älteren, die seit dem Jahr 1948 dank einer Volksabstimmung in der Schweiz die Alters- und Hinterlassenen-Versicherung (AHV) als Lebensgrundlage aus der dafür eigens geschaffenen Kasse erhalten. Seither geht es den alten Menschen in der Schweiz gut.

Jetzt ist es an der Zeit, allen Altersstufen zwischen Kindheit und Alter ebenfalls einen Grundbeitrag für die Sicherung Ihres Auskommens zu geben und die AHV, zum bGE ausgebaut, darin zu integrieren! Wenn wir stimmberechtigten Bürgerinnen und Bürger einander gegenseitig ein BGE zusprechen, werden wir Mittel und Wege finden, diesen gemeinsamen Willen zu realisieren. Nicht «der Staat», sondern WIR sind es, die das wollen und veranlassen können.

Wer wird davon profitieren? Für jeden ist es die bleibende Sicherheit in allen wechselnden Lebenslagen! Bin ich selber die/der mit einem bGE Beschenkte, so können meine bisher aufgestauten Impulse, Ideen, Wünsche und Taten dank dieser Ermöglichung verwirklicht werden. Übergangszeiten muss ich nicht fürchten, muss mich nicht als Bittsteller fühlen. Wer sich sozial, künstlerisch oder beschaulich betätigen möchte, kann das tun, weil ihm dank dem Grundeinkommen mehr Zeit dafür zur Verfügung steht und er einen bescheidenen Lebenshaltungsbedarf decken kann.

Werden nun haufenweise Menschen faul werden? Auf jeden Fall werden alle, die ein Interesse, ein Ideal haben, den Wunsch nach einer anderen Beschäftigung verwirklichen wollen, sich zu ihrem Ziele aufmachen. Das wird ihnen durch das Bedingungslose Grundeinkommen ermöglicht! Sorgen wir also dafür, dass die Jugend Ideale findet, Erwachsene ihre Ziele erkennen, die sozial Gesinnten den Bedarf ihres Wirkens wahrnehmen – und es gibt keine «faulen» Mitmenschen mehr!

Mit einem bedingungslosen Grundeinkommen ist nicht nur die Ermöglichung der allerverschiedensten Lebensgestaltungen auf eigene Verantwortung ungleich grösser und reichhaltiger, als ohne dieses, sondern es vermittelt den Menschen auch Bewusstsein und Freiheit für die eigene Lebensgestaltung. Und weil im bGE die verschiedenen Sozialleistungen bis zu seiner Höhe integriert sind, wird dies eine deutlich geringere Bürokratie zur Folge haben.

Gelingt es uns, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen und zu fragen: Was fehlt dem anderen? … vielen anderen? Schenken wir den anderen die Existenzwillkommenheit in Form der Gewährung eines zuverlässigen Rückhalts, einer Basis, auf die jeder in allen Fällen wird vertrauen können! Wir werden daran erleben, wie befreiend und produktiv und auch erwünscht als Ergänzung im Staatszusammenhang dieser Impuls für Gegenwart und Zukunft sein wird.